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Tanita Tikaram

„Closer to the people“ Tour 2016

Gäste: Serafyn

TANITA TIKAKRAMs Geschichte beginnt, wie richtige Musiker Geschichten beginnen, in Basingstoke. Im Jahr 1988 war die Hälfte der Charts gefüllt mit house music und die andere Hälfte mit Stock, Aitken und Waterman;  Celine Dion gewann den Eurovision Songcontest und Cliff Richards Song „Mistletoe and Wine“ war der Weihnachtshit Nummer  1. Inmitten dieser Ereignisse kam im September etwas spärliches und eigenständiges: „Ancient Heart“, das selbst geschriebene Debüt Album einer jungen, gerade 19 gewordenen Dame aus Hampshire.
Es war eine herbstliche Aufnahme, welche auf rockige Töne verzichtete und Instrumente  wie Oboe und Flügelhorn beinhaltete. Im Zentrum stand die dunkle, berührende Stimme, welche über TANITA TIKAKRAMs junges Alter hinwegtäuschte . Im Jahr 1988 war ein Album, das so unverfälscht und melancholisch war, eine Ausnahmeerscheinung - aber eine, welche 4 Millionen Mal verkauft wurde und 4 Single Charts produzierte. Die erste Single „Good Tradition“ erreichte die Top 10. Die zweite „Twist in My Sobriety“ wurde seither von einem duzend Künstler gecovert, inklusive einer aufregenden elektronischen Version von Liza Minnelli.
Im selben  Jahr trat Tanita mehrfach bei  „Top of the Pops“  auf,  ging auf große Tour und wurde eine zeitlang als „Bardin von Basingstoke“ gefeiert (was sie der Undurchsichtigkeit ihrer Texte verdankte und – wenn man ganz ehrlich ist – ein Stück weit ihrer „unlächelnden“ unnahbaren Art). Rückblickend denkt Tanita, sie sein ein wenig abgehoben gewesen. „ Als ich jung war, war ich ein wenig arrogant“ gesteht sie. „Es war harmlos ‚Bardin von Basingstoke‘ genannt zu werden, aber ich würde mich total verletzlich fühlen, wenn ich jetzt nochmal 18 wäre. Ich wurde ins Scheinwerferlicht geworfen, aber ich war so verträumt, dass es mir überhaupt nicht komisch vorkam. Jetzt, wo ich zurück schaue, fällt mir auf, wie komisch das war. Ich war einfach naiv“. Sie hatte nichts von all dem erwartet – sie hatte einen Platz an der Manchester Universität, wo sie Englisch und amerikanische Literatur studieren wollte, aber dann wurde „Good Tradition“ ein Hit, und ihre Zukunft war neu geschrieben.
Knapp 28 Jahre später, kurz vor Veröffentlichung ihres 9. Studio Albums „Closer to the People“, ist Tanita die britische Singer-Songwriterin, die verschwand.  Jahre bevor Riot Grrl und Lilith Fair die Frauen waren, die im Vordergrund der Musik standen, schrieb Tanita ihre eigenen Songs und war vollkommen ehrlich zu sich selbst. Als private Person – demzufolge die Abstrusität der Texte -   erschien sie nie in Boulevardzeitungen oder auf Branchen Partys, und trotz ihres Platin Albums war sie keine berühmte Person. „Closer to  the people“, ihr erstes Album seit „Can’t go back“ in 2012, ist immer noch die Arbeit einer privaten, individuellen Person, deren Songwriter Fähigkeiten  zusammen mit ihrer Stimme gereift sind. Die entscheidenden Tikaram Elemente – geschmeidige Melodien und ihre unverwechselbare Stimme – sind immer noch sehr präsent.
Tanita hat immer langwierige Pausen zwischen ihren Aufnahmen gemacht. Nach „Ancient Heart“ kamen 3 Alben in schneller Folge – „The Sweet Keeper“ (1990), „Everybody’s  Angel“ (1991) und „Eleven Kinds of Loneliness (1992) – dann folgte eine lange Atempause. „Wenn du jung anfängst, arbeitest du intensiv und danach versuchst du raus zu finden, wer du bist“ sagt sie. Jedes Album seit Anfang der 90er wurde vorsätzlich von einigen Jahren außerhalb des Scheinwerferlichtes gefolgt. Zwischendurch lebte sie ein friedliches, arbeitsames Leben in Italien, Frankreich und England. Hier lernte sie Sprachen, Tai-chi und schrieb Songs.
Der Zeitraum ohne Auftritte hat ihr einen Kult-Status verliehen, durch welchen ihre Arbeit immer wieder aufs Neue Wertschätzung erfährt. Heute wird die Kultiviertheit ihres mäßig erfolgreichen  Songs „The Cappuccino Song“ aus 1998 gelobt, während der Jazz Song „Sentimental“ aus dem Jahr 2005 als „ein verlorener Klassiker“ verurteilt wird. Ein anderer unterschätzter Juwel aus dem Jahr 1996 ist ihre Interpretation von Lucio Battisti’s „E Penso a Te“ (And I Think of You). Es ist einer ihrer eigenen Favoriten, ein leidenschaftlicher europafreundlicher. Sie schrieb den englischen Text, um ihre Verbundenheit zum Kontinent zu stärken. Was hat sie also seit „Cant Go Back“ gemacht?
„Ich bin viel getourt, habe viel gelesen und habe Tai-chi gemacht.“ Tanita denkt über sich selbst, sie sei „still Zen“ („Jeder sagt das, weil ich asiatisch und still bin“), die Disziplin beim Tai-chi hilft ihr mit den Touren klar zu kommen. „Es ist großartig, dieses meditative Ding zu haben, was man vor dem Auftritt machen kann, deshalb ist es nicht so ein großer Adrenalinschub, wenn man auf die Bühne geht. Wenn du viele aufgeregte Leute um dich herum hast, ist es stressig. Deshalb ist es gut, diesen kleinen Ausgleich zu haben.“
Sie lebt in einer Wohnung im Norden Londons, welche im Malayan Stil eingerichtet ist – ihre Mutter ist malaiisch, ihr Vater der, bei der britischen Armee war, ist fidschianisch-indisch. Da sie ihre Fahrprüfung fünf Mal nicht bestanden hat, hat sie kein Auto. Ihre letzte Handlung, bei der ihr die Konsequenzen egal waren, war „Mr Foote’s Other Leg“ mit Simon Russell Beale live im Theatre Royal im Haymarket zu sehen. „Als ich ein Kind war, war das aufregendste für mich ins Theater zu gehen. Deshalb ging ich gestern Abend ins Theater, und es war großartig in der Lage zu sein, sich einen guten Sitzplatz leisten zu können. Das war die hedonistischste Sache, die ich in letzter Zeit gemacht habe.“ Sie selbst kann nicht schauspielern, erzählt sie, aber sie liebt es Schauspielern zu zusehen – die Ensemble Besetzung erinnerte sie an ihre eigene Band, die sie 3 Jahre unterstützt hat und ihr geholfen hat, sich selbst als „Musiker“ zu sehen.
Zu der Zeit von „Cant go back“ hat sie sich gefragt, ob sie überhaupt Songwriterin sein wollte. Es war die Erfahrung, ein Mitglied einer Band zu sein, die ihr dabei half sich zu entscheiden, dass sie es sein wollte. „Ich bin so glücklich und aufgeregt bezüglich „Closer to the people“. Ich habe jetzt eine ganz andere Perspektive. Ich bin viel getourt und fühle mich, als wenn ich mit meinen Kumpels unterwegs bin. Bobby (der Schlagzeuger, welcher vor Fertigstellung des Albums verstarb) war sehr gut darin, Menschen zusammen zu bringen. Er sorgte dafür, dass ich mich wie ein Musiker fühle.“
Das neue Album ist ihr bis jetzt  musikalischstes Werk. Die Songs wurden beeinflusst von Anita O’Day, Philip Glass und Thelonious Monk. Tanita hat O’Day erst kürzlich für sich entdeckt, die verehrte Jazz-Sängerin, welche mit Drogensucht zu kämpfen hatte. Nachdem sie ihre Biografie gelesen hat - „Sie hatte eine unglaubliche Leidenschaft für‘s Leben, obwohl sie heroinsüchtig war“- komponierte sie den Song „Closer to the people“. Der Song ist spärlich und mager, aber leidenschaftlich: Tanita findet er passt zu ihrem unkonventionellen Leben. „Ich möchte es nicht romantisieren, aber es war bahnbrechend und faszinierend.“
Weiterhin gibt es den Song „Night is a Bird“, eine schwungvolle Nummer welche erschien, nachdem Tanita’s Band sie beauftragte, eine Dokumentation über Thelonious Monk anzuschauen.  Am nächsten Tag im Studio fragte sie sich, wie man solche Songs produziert. „Martin Winning, ihr Saxofonist sagte: „Ich weiß, wie“ und zeigte mir ein paar Akkorde auf dem Piano und begann das Saxofon Riff zu spielen, welches der Mittelpunkt  des Songs ist. Matt Radford, der Bassist, und ich stimmten mit ein.“ Sie hat sich vorgestellt, wie es für Monk war, so zu performen, wie sie es tat. Alle Regeln zu brechen… „Night is a Bird“ ist das saftige Resultat.
Der erste Song auf dem Album „Glass Love Train“ nimmt den wiederholenden Minimalismus von Philip Glass als Anfangspunkt und findet ein lebendiges Ende,  in dem Tanita sanft anstimmt: „When I was in love, looking through a window, hiding on a glass love train…“
Vielleicht ist der bemerkenswerteste Song der letzte, „My Enemy“. Tanitas Phrasierung auf dieser meditativen Klavierballade ist reiner Jazz; der Text ist inspiriert von einem Freund, welcher ein Opfer von Kindesmissbrauch war und Tanita gebeten hat, darüber zu schreiben. „Ich sagte: ‚Ich kann das nicht, es ist mir nie passiert, und ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt‘.“ Eventuell fand sie sich schlussendlich dabei, darüber nachzudenken, wie man das Dogma ablehnt, und so entstand der Song. Das Resultat ist eines der Highlights in ihrer Karriere.
„Ich höre jetzt so viel mehr Musik“ schließt sie ab. „Die größte Offenbarung ist es für mich, einen vollkommenen Sound zu kreieren.“ Genau das, was sie unumstritten getan hat. „Ich bin keine dramatische Person, aber ich habe Feuer in mir. Ein leises Feuer.“

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